KI in der Landwirtschaft: Holzweg oder Überholspur?

KI in der Landwirtschaft – Diskussion auf der DLG-Stage der Agritechnica

Manuel Ermann (li.) und Friedrich Dieckmann (re.) sprachen auf der AGRITECHNICA über KI in der Landwirtschaft – Bild: © Dirk Gieschen

Künstliche Intelligenz ist in der Landwirtschaft längst kein Zukunftsthema mehr. Zwischen Euphorie und Skepsis bewegt sich der Alltag vieler Betriebe – genau darüber haben Friedrich Dieckmann, Landwirt und Agrar-Influencer, und Dr. Manuel Ermann auf der DLG-Stage im Rahmen der AGRITECHNICA gesprochen. Ihr Austausch war offen, praxisnah und stellte die entscheidende Frage: Führt KI uns wirklich in eine effizientere Zukunft – oder laufen wir Gefahr, uns von Technik abhängig zu machen?

Friedrich, was geht dir durch den Kopf, wenn du an KI in der Landwirtschaft denkst?

Friedrich Dieckmann: Wenn ich „KI“ höre, schwanke ich immer zwischen Begeisterung und Skepsis. Auf der einen Seite fasziniert mich der technologische Fortschritt enorm. Maschinen werden präziser, schneller und smarter – und die Entwicklungsschritte passieren heute in Monaten statt in Jahrzehnten. Das eröffnet Möglichkeiten, die man früher kaum denken konnte.
Aber es gibt eben auch die Schattenseite. Viele Systeme machen uns abhängig von Herstellern und Servicepartnern. Früher war ein Defekt oft mechanisch und schnell auszutauschen. Heute steht ein Schlepper still, weil irgendwo eine Fehlermeldung aufleuchtet, und du kommst ohne Service-Hotline nicht weiter. Dazu kommt meine Sorge, dass KI das Höfesterben beschleunigt. Große Betriebe können investieren und profitieren von Effizienzsprünge, kleinere hingegen bleiben zurück – nicht, weil sie weniger gut wirtschaften, sondern weil die Einstiegskosten einfach zu hoch sind.

Wie digital ist euer Betrieb – und wo nutzt du selbst KI?

Friedrich Dieckmann: Unser Betrieb selbst ist eher traditionell unterwegs. Aber ich persönlich nutze KI fast täglich – vor allem ChatGPT, um Inhalte für Social Media vorzubereiten. Mir ist wichtig, dass mein Content fachlich korrekt ist und verständlich erklärt wird. KI hilft mir, Gedanken zu sortieren, Fakten zu überprüfen oder einen Einstieg zu finden, der Menschen abholt. (👉 Landwirtschaft verständlich erklären)
Was die Technik auf dem Hof angeht, probieren wir trotzdem immer wieder Neues aus. Das gehört für mich dazu: neugierig bleiben, auch wenn nicht alles sofort funktioniert.

Welche KI- oder Digitaltechnik habt ihr bereits getestet – und wie waren die Erfahrungen?

Friedrich Dieckmann: Wir hatten bei uns schon den autonomen Farmdroid im Einsatz. Ein spannender Ansatz: ein Roboter, der mit Solarpanels angetrieben wird und eigenständig Raps säen soll. Grundsätzlich funktionierte das auch – aber praktisch war es oft komplizierter als gedacht. Der Roboter ist empfindlich, braucht perfekte Bodenverhältnisse und blieb bei nassem Wetter gern mal stecken. Ständig kamen Fehlermeldungen aufs Handy. Am Ende war es für uns mehr Aufwand als Entlastung.
Ähnlich bei der Spot-Spraying-Technologie, die wir getestet haben. Das Kamerasystem erkennt Unkräuter und behandelt nur die entsprechenden Stellen. Ein riesiges Potenzial – gerade wirtschaftlich. Aber im Getreide war das System noch nicht zuverlässig genug. Und dann setzen wir seit drei Jahren eine Agrardrohne ein, bisher vor allem für Zwischenfrüchte. Die Technik entwickelt sich aber schnell weiter: Dünger streuen, punktgenaue Anwendungen – das kommt alles. Diese Richtung finde ich sehr spannend, weil sie tatsächliche Arbeitserleichterung bringen kann.

Welche Rolle spielt KI in der Tierhaltung – und wie schätzt du solche Systeme ein?

Friedrich Dieckmann: Ein Freund von mir überlegt, ein KI-Kamerasystem im Schweinestall zu installieren. Wir haben uns gemeinsam einen Modellbetrieb angeschaut. Das System erkennt Schlachtgewichte, misst die Temperatur der Tiere und analysiert sogar die Fellstruktur, um frühzeitig Krankheiten zu erkennen. Das ist beeindruckend – und es zeigt, was in Zukunft möglich ist.
Aber auch da: Es sind Momentaufnahmen. Man sieht nicht die Entwicklung eines einzelnen Tieres über Tage hinweg. Und natürlich kosten solche Systeme viel Geld. Trotzdem glaube ich, dass solche Technologien langfristig Arbeitszeit sparen und Tierwohl verbessern können – wenn sie bezahlbar und robust genug werden.

Wenn ein Start-up dir eine KI-Lösung maßschneidern würde – was würdest du dir wünschen?

Friedrich Dieckmann: Ganz klar: Erstens einen Ernte-Roboter für unseren Spargel. Der Arbeitskräftemangel wird jedes Jahr größer, und die Kosten steigen unaufhörlich. Bei uns testen schon Firmen autonome Spargelschneider auf den Feldern – aber diese Maschinen kosten mehrere Hunderttausend Euro. Das ist für einen mittelgroßen Betrieb wie meinen einfach nicht machbar.
Zweitens wünsche ich mir echte Entlastung im Büro. Der mentale Stress durch Dokumentationen, Kontrollen, Abrechnungen ist enorm. KI könnte genau dort helfen: einfache Eingaben, automatische Abläufe, weniger Fehlerquellen. Das wäre für viele Betriebe ein echter Game Changer – und wahrscheinlich der Bereich, in dem KI am schnellsten flächendeckend Sinn machen würde.

Kann KI den Beruf Landwirt:in attraktiver für junge Menschen machen?

Friedrich Dieckmann: Ja, das glaube ich. Viele junge Leute sind technikaffin und mögen moderne Systeme. Und wenn KI wirklich hilft, Arbeitszeit einzusparen – besonders in der Tierhaltung – dann kann das Beruf und Alltag familienfreundlicher machen. Ich finde nur wichtig, dass man den Bezug zu Tieren und Natur nicht verliert. KI kann unterstützen, aber sie darf das Gefühl für den Betrieb und das Lebendige nicht ersetzen.

Fazit: KI in der Landwirtschaft ist ein Werkzeug – kein Ziel!

Der Austausch hat gezeigt, dass KI weder Heilsbringer noch Bedrohung ist. Sie ist ein Werkzeug, das große Chancen bringt, aber ebenso Grenzen hat. Technik muss praktikabel, bezahlbar und robust sein, sonst hilft sie vor allem den Betrieben, die ohnehin schon stark sind. Gleichzeitig kann KI echte Entlastung schaffen – insbesondere dort, wo Dokumentation und Büroarbeit Landwirt:innen heute stark belasten.
Wenn KI dort ansetzt, wo die Branche sie wirklich braucht, führt sie uns nicht auf den Holzweg. Dann wird sie zum Beschleuniger – nicht nur für Effizienz, sondern auch für Motivation, Wertschätzung und Zukunftsfähigkeit der Landwirtschaft.

DLG-Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit

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Der Ausschuss setzt sich aus Experten der Bereiche Landwirtschaft, Agribusiness, Marketing, Public Relations und Wissenschaft zusammen. Er bearbeitet Fragestellungen im Themenfeld der Öffentlichkeitsarbeit landwirtschaftlicher Betriebe und stellt die Ergebnisse allen Landwirtinnen und Landwirten zur Verfügung.
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