Wie viel Kritik braucht unsere Branche?

Kritik in der Landwirtschaft – darüber diskutierten Prof. Dr. Matthias Kussin, Anne Kokenbrink, Elisabeth Wrana und Tilman Krakau (v. l.) – Bild: © Dirk Gieschen

Kritik in der Landwirtschaft gehört zum Alltag – aber wie gehen wir konstruktiv damit um? Wann ist sie wertvoll, wann herausfordernd und wie können wir lernen, besser zuzuhören? Der DLG-Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit hat auf der DLG-Wintertagung 2026 mit dem Quick-Impuls „Wie viel Kritik braucht unsere Branche?“ zum intensiven Austausch hierzu eingeladen. Die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer beleuchteten unter anderem produktives und unproduktives Feedback. Die Podiumsdiskussion befasste sich mit der Interpretation von Bedenken, der Rolle der Selbstwahrnehmung in der Kommunikation und der Bedeutung von nachvollziehbaren Geschichten, um die Kluft zwischen Landwirtschaft und Öffentlichkeit zu überbrücken.

Kritik wird nicht überall gleich akzeptiert

Ein zentrales Forschungsergebnis von Prof. Dr. Matthias Kussin (HS Osnabrück): Landwirtschaft unterscheidet sehr genau, welche Kritik sie annimmt – und welche nicht.

Wenn der Markt reagiert, reagieren Betriebe. Fällt der Preis, ändert sich das Angebot. Bleibt Ware liegen, wird nachjustiert.

Anders sieht es bei Kritik an Produktionsweisen aus. Hier wird Einmischung häufig als Grenzüberschreitung empfunden. Warum?

Weil Betrieb, Familie, Identität und Lebensform in der Landwirtschaft enger miteinander verwoben sind als in vielen anderen Branchen. „Ich bin mein Betrieb – und mein Betrieb bin ich.“ Wenn diese Einheit infrage steht, wird Kritik schnell persönlich.

Kussins Raster: Vier Thesen, die den Umgang mit Kritik neu sortieren

1) Landwirtschaft nimmt Kritik nicht überall gleich an.
In der Praxis wirkt Kundenkritik stark (Absatz, Preis, Handel). Kritik aus der „Bürgerrolle“ wird dagegen häufiger als störend erlebt – besonders dann, wenn sie die Art der Produktion betrifft.

2) Viel Kritik wird nicht als Sachfrage, sondern als Identitätsfrage gehört.
Medial dominieren Selbstbeschreibungen wie „missachtet“ oder „nicht wertgeschätzt“. Gleichzeitig ist in der Berichterstattung oft eher Sachkritik an Verfahren zu finden. Die Reibung entsteht dort, wo Sachkritik im Kopf zur Persönlichkeitskritik wird.

3) Entscheidend ist die Unterscheidung: Was ist produktiv – was ist nur Lärm?
Produktive Kritik arbeitet an Verfahren, Folgen und Alternativen. Unproduktive Kritik zielt auf Abwertung, Polarisierung oder reine Empörung – ohne Lernangebot.

4) Das Sichtbare ist nicht automatisch das Relevante.
Social Media und Talkformate machen unproduktive Kritik groß. Produktive Kritik entsteht häufig leiser – in Studien, Hintergrundgesprächen oder direkten Begegnungen. Für die Branche wird damit Filterkompetenz zur Schlüsselaufgabe.

Diese vier Thesen liefern ein wichtiges Raster. Die entscheidende Frage lautet nun: Was bedeutet das für die Praxis?

Warum wir Kritik oft falsch hören

Tilman Krakau, Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, brachte es auf einen einfachen Punkt: „Nicht der gesendete Satz entscheidet – sondern das, was beim Empfänger ankommt“.

Ein und derselbe Satz kann als Angriff, als Lernangebot oder als Gesprächseinstieg gehört werden.
„Landwirtschaft kann man studieren?“ Ist das Spott – oder ehrliches Erstaunen?

Die Reaktion entscheidet über die Dynamik. Wer Kritik als Angriff hört, geht in Abwehr. Wer sie als Frage hört, öffnet einen Dialog.

Das Problem: Unter wirtschaftlichem Druck, Zeitstress und permanenter öffentlicher Beobachtung ist diese Differenzierung keine Selbstverständlichkeit. Wer dauerhaft im Überlastungsmodus arbeitet, hört anders.

Kommunikationsfähigkeit ist deshalb nicht nur eine Frage der Technik – sondern auch der Ressourcen.

Produktive Kritik ist mehr als bessere Erklärung

Ein spannender Gedanke aus der Diskussion: Kritik kann auf zwei Ebenen verarbeitet werden.

Ebene 1: Wir erklären uns besser. Akzeptanz entsteht durch Transparenz.

Ebene 2: Wir prüfen, ob in der Kritik ein echter Innovationsimpuls steckt. Nicht nur Kommunikationsproblem – sondern Geschäftsmodell-Frage.

Marktsignale sind ein wichtiger Korrekturmechanismus. Aber gesellschaftliche Trends, Wertewandel oder technologische Risiken lassen sich nicht allein über Preissignale erkennen.

Hier braucht es zusätzliche „Sensoren“: Verbände, Beratung, Hochschulen, Agrarmedien – also genau das Umfeld, das filtern und einordnen kann.

Das eigentliche Problem: Laut gewinnt nicht gleich recht

Unproduktive Kritik ist sichtbar. Sie ist laut, emotional, polarisierend.

Produktive Kritik ist oft leiser – aber relevanter. Sie entsteht im Gespräch, im Seminar, im Hintergrundgespräch mit Journalist:innen oder in wissenschaftlichen Studien.

Die Gefahr: Wenn wir alles, was laut ist, als repräsentativ wahrnehmen, verzerren wir unser Bild von Gesellschaft.

Filterkompetenz wird damit zur strategischen Aufgabe – nicht nur für einzelne Landwirtinnen und Landwirte, sondern für die gesamte Kommunikationsstruktur der Branche.

Das Impulsforum der DLG-Wintertagung als Video

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Was heißt das konkret für die Praxis?

Fünf Impulse aus dem Forum:

Nicht sofort reagieren – erst einordnen.
Geht es um meine Person oder um ein Verfahren?

Produktiv oder destruktiv unterscheiden.
Wird ein konkretes Problem benannt? Gibt es Alternativen? Oder nur Abwertung?

Emotion wahrnehmen – aber nicht sofort senden.
Wer merkt, dass er „auf 150“ ist, hat den ersten wichtigen Schritt schon getan.

Die richtige Bühne wählen.
Nicht jede Kritik gehört in die öffentliche Arena. Dialog braucht ein passendes Format.

Kritik nicht nur erklären – prüfen.
Steckt ein strukturelles Thema dahinter, das wir bislang übersehen haben?

Fazit: Weniger Abwehr, mehr Einordnung

Die Landwirtschaft braucht nicht weniger Kritik. Sie braucht mehr Kompetenz im Umgang mit ihr. Wer Kritik nur abwehrt, schützt sich kurzfristig. Wer sie einordnet, wird langfristig zukunftsfähiger. Und vielleicht ist genau das die strategische Aufgabe unserer Kommunikationsarbeit: Nicht jedes Geräusch zu verstärken – sondern Relevantes vom Lärm zu unterscheiden.

DLG Podcast Deep Dive – Wieviel Kritik braucht unsere Branche?

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Stefan Luther

Projektleiter Mitglieder-Management beim Forum Moderne Landwirtschaft + Inhaber von authentisch&GREEN

B.Sc. Agrarwissenschaften, stellv. Vorsitzender im DLG-Ausschuss Öffentlichkeitsarbeit
authentisch-green.de

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